Schön, dass Sie da sind. Meine Worte und ich freuen uns, von Ihnen gelesen zu werden. Ich bin Journalistin, Kommunikationsbeobachterin auf allen Ebenen und Literaturliebhaberin. Sie finden hier Workshopangebote und Texte, die inspirieren wollen. Aber auch kleine Sprachjuwelen, die mir begegnet sind, teile ich mit Ihnen. Lesen Sie einfach weiter…


 

Ein paar Stunden später erwachte Lena wesentlich entspannter. Sie räkelte sich und überlegte, was sie heute tun wollte. «Die Sonntage sind am schlimmsten. Wenn du nichts im Voraus planst, kann es gut sein, dass du nichts anzufangen weisst», hatte Elisabeth, eine Bekannte, Lena einst ihre Single-Gefühle anvertraut. Lena schüttelte sich: Mir ist nie langweilig gewesen, dachte sie. «Ich fange jetzt nicht damit an. Ich fahre ins Tessin.» Übers Handy suchte sie die Zugverbindung raus, machte sich gut gelaunt fertig, packte Wasser, einen Apfel, Block und Stift in den Rucksack, bis es kurz vor 10 Uhr Zeit war, sich auf den Weg zu machen. Sie liebte den Zürcher Hauptbahnhof. Er schien Lena seit ihrer Kindheit das Tor zur grossen, weiten Welt zu sein. Heute spürte sie, das hatte sich trotz dem Leben in Karlsruhe nicht geändert. Und als sie in den Zug nach Lugano stieg, war ihr Glück perfekt.

Sie schwelgte in Erinnerungen. Als Teenager hatte sie sich unsterblich in einen älteren Mitschüler verliebt. Bereits eine Ecke männlicher als seine Kollegen, hatte er wunderschöne, grosse Hände. Ohne wie Pranken auszusehen, standen sie für Kraft. Bei jedem Wetter trug er seine Jeansjacke mit Aufnähern von Heavy-Metal-Bands wie AC/DC oder Metallica. Er roch nach Abenteuer. Doch weder Blondine noch langbeinig, war Lena für die coolen Typen von damals unsichtbar. Also fing sie selbst an, Heavy Metall zu hören, eroberte sich die Musik und damit ihren eigenen Platz in der Motorrad-Clique. Auf einer Tour hatten sie in Lugano Halt gemacht und drei Tage in der Jugendherberge übernachtet. Lena erinnerte sich an eine herrliche Promenade, helles, mediterranes Flair mit vielen Cafés. Dazwischen das Grand Hotel am See. «Next Stop Lugano». Lena hatte Herzklopfen, ob Lugano noch so aussehen würde wie in ihrer Erinnerung?

Lena stieg aus dem Zug und atmete tief ein: Es war besser. Die Sonne schien freundlich, ein laues Lüftchen brachte mehr als einen Hauch von Frühling. Lena folgte einem Passanten, der aussah, als würde er sich auskennen. Und ihr Instinkt hatte sie nicht getrogen, er führte sie direkt zum See. Strahlend weiss überragte das Grand Hotel die Gebäude um sich herum, gesäumt von Rhododendronbüschen, die im Sommer mit den Kleidern der edlen Damen um die Wette leuchteten. Lena sah an sich herunter: Jeans, Crinklebluse und Freizeittreter. Na hoffentlich haben die keine Kleiderordnung, dachte sie bei sich und musste schmunzeln. Ich werde einfach so tun, als ob nichts wäre. Und so schritt sie ehrfurchtsvoll die breite, weisse Treppe hinauf. In der Hotellobby folgte sie ohne zu Fragen den Hinweisen ins Restaurant. «Ich hätte gerne einen Tisch.» «Gerne, für eine Person und in der Nähe des Laufstegs?» «Laufsteg?» «Ja, heute um halb zwei findet bei uns eine Modenschau statt.» «Gut, dann hätte ich gerne einen Tisch beim Laufsteg.» Lena hatte sich ein «Super» gerade noch verkneifen können. Sie folgte dem Kellner auf die Terrasse und freute sich. Ihr Tisch war perfekt. Seeblick und Laufsteg, sie genoss die Atmosphäre einen Moment, bevor sie einen Blick auf die Speisekarte warf.

Fangfrischer Hummer auf einem Rucola-Bett, dazu junge Kartoffeln auf Zitronenschaum. Coq au vin, Truthahn-Piccata, Spaghetti mit Trüffel – Lena lächelte beim Lesen. Schon die Namen der Gerichte klangen nach Urlaub. Sie entschied sich für Penne mit Lachs, eine kleine Portion, das wirkt irgendwie vornehmer, dachte sie. Insgeheim freute sie sich aber schon auf eine ganz und gar nicht vornehme Portion Tiramisu. Lena träumte vor sich hin. Wie wäre es, als Autorin auf Lesereise zu gehen und in solchen Hotels zu übernachten? Freundlich lächelnd sah sie dem Kellner beim Servieren zu. Lena liess sich viel Zeit beim Essen. Sie belud sorgfältig die Gabel, kaute langsam und versuchte, die verwendeten Gewürze und Zutaten herauszuschmecken. Es war köstlich. Für einen Moment kehrte Ruhe ein, da wackelte plötzlich ihr Tisch. «Charlie! Charlie! Ich habe keine Zeit mehr, um Verstecken zu spielen.» Lena stand auf, setzte sich neben ihren Stuhl auf den Fussboden und hob an einer Seite das Tischtuch. Ein etwa sechsjähriger Junge sah sie erst erschrocken an, grinste aber schon bald verschmitzt. «Hallo Charlie, ich bin Lena. Sag mal, gefällts dir unter dem Tisch?» Er zuckte mit den Schultern. «Geht so. Aber ich will nicht hinter die Bühne.» «Okay», antwortete Lena, die noch nicht so genau wusste, was das bedeutete. «Aber was hältst du davon, wenn wir es erst einmal mit den Stühlen an meinem Esstisch probieren?» «Okay», der Kleine klang etwas resigniert, doch kroch er ohne Gegenwehr unter dem Tisch hervor. Kaum sassen Lena und Charlie manierlich am Tisch, waren sie auch schon entdeckt. Eine grosse Frau mit wehenden dunkelbrauen Haaren kam durch die Lobby auf die Terrasse gestürmt. «Charlie, ich muss in zehn Minuten beim Umziehen sein, wir müssen los.» «Aber ich will nicht hinter die Bühne.» «Und ich will dich nicht in einem grossen Hotel alleine auf der Terrasse lassen.» «Aber er ist doch nicht allein», rutschte es Lena heraus. Die Frau sah auf. «Entschuldigung», Lena stand auf und reichte der Frau die Hand. «Mein Name ist Lena Kronenberg, ich bin hier Gast und falls das für ihren Sohn in Ordnung wäre, kann er gern bei mir am Tisch sitzen bleiben, bis die Modenschau vorbei ist. Denn ich gehe mal davon aus, dass sie zu den Models gehören.» «Stimmt. Aber sind sie sicher? Ich meine, was Charlie betrifft. Er ist ein ganz schöner Wirbelwind. Sorry, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt: Isabelle Matthis.» Die beiden Frauen schüttelten sich die Hände. «Also, wie sieht es aus Charlie? Bleibst du bei Frau Kronenberg?» «Lena bitte.» Isabelle Matthis hob fragend die Augenbrauen beim Blick auf ihren Sohn. Charlie wechselte zwischen der Betrachtung seiner Mutter und der Unbekannten, dann nickte er. «Okay, das Ganze dauert etwa eine Stunde. Haben Sie, ich meine hast du wirklich so viel Zeit?» «Kein Problem, ich denke, Charlie und ich kriegen das schon hin.» Der Junge nickte mittlerweile. Mit den Worten «Bis später und bleib brav» verschwand Isabelle Matthis hinter der Bühne. «Charlie», wandte sich Lena an ihren Tischgenossen, «was hältst du von einem Glas Sirup?» «Erdbeer oder Zitrone?» «Was wäre dir denn lieber?» «Zitrone», kam es wie aus der Pistole geschossen. «Ich denke, dann reden wir doch mal mit dem Kellner.» Sie brauchte kaum die Hand zu heben, war er bereits zur Stelle. «Ich hätte gerne zum Dessert eine Portion Tiramisu mit zwei Löffeln und der junge Mann», sie gab Charlie einen ermunternden Schubs, «bitte, deine Bestellung.» Etwas unsicher sah dieser den Hotelbediensteten an: «Haben Sie Zitronensirup?» «Selbstverständlich. Ein Glas für den Herrn?» Charlie nickte. Der Kellner entfernte sich.

Die Scheinwerfer um den Laufsteg gingen an. Aus den Lautsprechern erklang «What are you waiting for.» Isabelle Matthis betrat die Bühne – oder besser, liess sie erbeben. Knallrote Seide in mehreren Lagen umschmeichelte ihre Beine, ihr violettes Oberteil glich einem Sari und ihre langen Haare flogen nur so, wenn sie posierte. Ihre Kolleginnen und Kollegen folgten jeweils in stil- oder farbähnlichen Kreationen, aber sie war eindeutig der Star der Show. Ein kleiner Seitenblick auf Charlie offenbarte, dass er das offensichtlich ganz genauso sah. Stolz verfolgte er die Schritte seiner Mutter, die nun ein Jeanskleid voll bestickter Blumen trug. Lena brauchte sich keinerlei Sorgen zu machen, ihr Tischnachbar würde sich langweilen. Erst recht nicht, als der Kellner das Tiramisu gebracht hatte und er seinen Teil der italienischen Köstlichkeit im Nu verputzte. Bei Lena dauerte es etwas länger, weil sie Isabelles Auftritte ganz genau verfolgte. Die energiegeladene Ausstrahlung faszinierte sie. Und als das Model zum Höhepunkt der Show ein Abendkleid trug, das in unterschiedlichen Gelbtönen mit der Sonne um die Wette strahlte, applaudierten Lena und Charlie wie wild.

Die Scheinwerfer gingen aus. Die Terrasse leerte sich. Charlie zupfte Lena am Ärmel: «Darf ich auf den Spielplatz hinter dem Haus?» Lena schüttelte den Kopf. «Sorry, ich denke, wir beide sollten hier auf deine Mutter warten. Sonst denkt sie am Ende noch, ich hätte dich geklaut, und haut mich mit einem Stöckelschuh.» Lena imitierte einen solchen Schlag und Charlie fing an zu kichern. «Hey, was hältst du von Fliegerbasteln? Papier und Stift hätte ich dabei.» Der Junge war nicht komplett begeistert, machte sich aber an die Arbeit. Und schon bevor das erste Kunstwerk fertig war, stand Isabelle Matthis am Tisch. Sie fuhr ihrem Sohn durch die Haare: «Was sagt mein Lieblingskritiker zur Show?» «War ganz okay», Charlie hob den Kopf. «Aber einmal bist du umgeknickt. Du musst aufpassen, sonst fällst du das nächste Mal runter.» «Da hast du vollkommen recht, ich gebe mir Mühe.» Isabelle Matthis wandte sich an Lena. «War er brav?» «Höchst wohlerzogen. Willst du dich nicht einen Moment setzen? Ich habe noch etwa eine Stunde Zeit, bis mein Zug einfährt.» «Ganz so viel Zeit habe ich nicht, aber ein Kaffee liegt schon drin.» Sie winkte dem Kellner und setzte sich. «Ich war unglaublich beeindruckt von der Show», schwärmte Lena. «Was hat dich denn besonders beeindruckt?» «Schwer zu erklären. Du bist so eine Erscheinung. Wenn du den Laufsteg betreten hast, hätten die anderen Modells auch nach Hause gehen können. Es war, als gehörten all diese Kleider ganz normal zu dir, egal wie knallig oder ausgefallen. Und dein Gang.» Isabelle hatte Lena still zugehört. «Was gefällt dir an meinem Gang?» «Er ist kraftvoll. Du hast eine starke Präsenz, mit der du aber nicht arrogant, sondern sehr spielerisch umgehst.» Isabelle lächelte: «Bitte entschuldige diese sehr analytisch wirkenden Fragen, ich habe neben meiner eigenen Modelei ein kleines Studio. Dort unterrichte ich Frauen, die Model werden wollen. Aber auch solche, die in ihrem bisherigen Leben einfach keine Möglichkeit hatten, sich kleidertechnisch auszuprobieren. Frauen, die wissen wollen, was Kleidung und Make-up bewirken können.» «Ich mag Make-up nicht so», meinte Lena. «Das ist eine glatte Lüge. Du bist der typische Fall von «Ich weiss nicht wie und darum lass ichs lieber ganz.» «Und woran erkennst du das?» «Es ist die Art und Weise, wie du mich beobachtest. Ich wette, wenn du mich jetzt beschreiben müsstest, würde nicht mal das zweite Paar Ohrstecker fehlen.» Lena wurde rot und wand sich. Charlie unterbrach das Gespräch. «Mama, der Flieger ist fertig, kann ich jetzt auf den Spielplatz?» Isabelle Matthis sah auf die Uhr. «Nein mein Schatz, tut mir leid, ich hab mich sogar selbst verquatscht. Wir müssen noch die Kleider für morgen abholen und dann geht es ab nach Hause, schliesslich ist morgen Kindergarten.» Charlie zog eine Schnute. «Okay», brummelte er. Isabelle kramte in ihrer Handtasche und streckte Lena ihre Visitenkarte hin. «Ich hab mich sehr gut unterhalten Lena, und wenn du mal Lust hast, dich auf Entdeckungsreise nach dir selbst zu begeben, ruf mich an. Ich würde mich freuen, dir dabei etwas zur Hand zu gehen. Schliesslich schulde ich dir einen Gefallen fürs Hüten», meinte sie mit Seitenblick auf ihren Sohn. «Ich würde mich freuen, dich wieder zu treffen», sagte Lena. Die beiden Frauen verabschiedeten sich und Charlie liess sich sogar zu einem «War cool bei dir» hinreissen. Auch Lena machte sich nun auf den Heimweg und erinnerte sich an einen ihrer journalistischen Ausflüge in die Welt des Lifestyles.

 

Hier ist Umdrehen erlaubt

Mode: Nach dem Busen nun der Po als Projektionsfläche persönlicher Statements

Die Zicke hat sich rar gemacht. Nein, gemeint ist natürlich nicht die Art Frau, die zwar über einen Haufen Allüren verfügt, aber ansonsten keinerlei Fähigkeiten vorzuweisen hat. Die Rede ist vielmehr von dem T-Shirt-Aufdruck, der noch im vergangenen Sommer zusammen mit der «Prinzessin», dem «Engel» und der «Schlampe» aufgetaucht ist, um fortan die Strassen zu bevölkern. Auf den Oberteilen, meist in Rosa oder Babyblau, prangten die bunten Lettern wohlplatziert auf dem Busen von Girlies und besonders hippen Frauen. Und 2003? Bedruckte T-Shirts gibt es zwar nach wie vor, doch Bilderdrucke und Universitätslogos haben den knappen Selbstbeschreibungen den Rang abgelaufen.

Wer jetzt fürchtet, das männliche Geschlecht müsse verzweifeln, weil ihm die Einschätzung des weiblichen Gegenübers wieder selbst überlassen bleibt, täuscht sich. Denn der neue Trend sind gedruckte Statements auf den vier Buchstaben. Spätestens wenn die Angebetete den Mann nach einer Abfuhr stehen lässt, wird dem Gesellschaftsuchenden ein Licht aufgehen. Denn was kann man von einem bösen Mädchen (bad girl) anderes erwarten. Das «sexy girl» auf der Rückseite eines knappen Minis dürfte von der Herrenwelt hingegen eher als Signal zum Dauerflirten verstanden werden.

Eines gilt es beim Modetrend des Jahres zu bedenken: Wer seinen Hintern in den Mittelpunkt rückt, muss ihn wirklich mögen. Nur gibt es bekanntlich nicht viele Frauen, die das ohne Wenn und Aber tun. Es bleibt abzuwarten, wer sich in diesem Rennen durchsetzt: das Modediktat oder der Figurkomplex


 

Der digitale Hahn krähte. Lena setzte sich langsam auf. Der Muskelkater war etwas abgeklungen, doch sie fühlte immer noch eine gewisse Schwere in den Gliedern. Sie musste einen Moment überlegen, welcher Tag war. Ein Sonnenstrahl huschte zwischen den Rollläden hindurch. «Samstag – heute ist Samstag», blitzte es durch ihren Kopf. «Ich kriege heute meine Möbel.» Keinen Monat war es her, hatte sie in ihrer Euphorie nach dem Zusammensein mit Luis ein Bett, eine Stehlampe und eine kleine Kommode ausgesucht. Beim Gedanken an Luis seufzte sie leicht. Sie hatten sich hie und da per SMS einen Gruss geschickt. Doch Lena vermisste ihn. Die Nacht mit ihm hatte sie ihrer eigenen Weiblichkeit wieder etwas nähergebracht. Und jetzt? Robert hatte sich mit seiner Drohung erneut im Zentrum platziert. Er war Schatten. Lena schaltete das Licht an. «Ihr kriegt mich nicht klein», sagte sie laut. «Ich hole jetzt meine neuen Möbel ab und sie werden wundervoll aussehen in meiner Wohnung.» Sie ging ins Bad. Kaum war sie fertig angezogen, klingelte es. Lena drückte auf den Knopf der Gegensprechanlage. «Ich bin gleich unten, dann können wir los.»

 

Marina wartete auf dem Parkplatz, mit verschlafenem Blick, in der Hand eine Dose Red Bull. «Schwesterchen, verleg doch deine künftigen Einkaufsplanungen auf den Nachmittag.» Lena schmunzelte. «Eine musikalische Nacht erlebt?» Marina lachte: «Schön, wenn du dich so philosophisch ausdrückst.» Während des kurzen Plauschs waren sie bei der IKEA angelangt. Sie begaben sich zum Kundendienst. Ein knapp 20-Jähriger erklärte ihnen ausführlichst die Regeln der Autovermietung und am Ausgabeschalter für die Möbel warteten trotz Morgenstunde schon vier Familien. Als sie alles verladen hatten, schnallte Marina sich mit den Worten «Bitte Zwischenstopp in der Bäckerei» auf dem Beifahrersitz an. Sie wussten beide, dass Lena seit dem letzten Parkschaden nicht mehr Auto gefahren war. Mit fast grimmigem Gesicht drehte sie nun den Zündschlüssel.

 

Nach etwas mehr als einer Stunde war die erste Herausforderung genommen. Lena parkte Marinas «Lupo» vor ihrem Haus und stieg mit etwas zittrigen Beinen die Treppe hoch. Als sie in ihre Wohnung kam, musste sie lachen. Marina winkte ihr mit vollem Mund kauend zu. «Der Hunger war zu gross zum Warten», meinte sie entschuldigend. «Kein Problem», Lena griff nach Gipfeli und Milchkaffee. «Du warst ja auch schon mehr als tätig», sagte sie anerkennend mit Blick auf den fertigen Bettrahmen. Die Hölzer für den Rost waren ordentlich ausgelegt, damit man eines nach dem anderen in die Gummiträger an den Seiten einquetschen konnte. «Darum kommst du ja auch goldrichtig. Das mit diesen Hölzern geht am besten, wenn der eine auf der rechten und der andere auf der linken Seite drückt, sonst fällt alles wieder raus.» Sie waren gut in der Hälfte, als sie feststellten, dass sie zusätzlich ein Band zwischen die Balken fädeln sollten. Also wieder von vorn. Doch gegen 14 Uhr stand das Bett und konnte bezogen werden. Marina sah auf die Uhr: «So, Schwesterchen, ich denke, mit dem Rest kommst du alleine klar. Ich gehe mich jetzt umziehen, denn ...» «Denn du hast heute noch ein Date», vervollständigte Lena den Satz ihrer Schwester. «Jep jep, ganz genau.» «Geniess es.» «Keine Bange, das werd ich. Du aber auch.» «Keine Bange, das werd ich», lachte Lena und freute sich auf ihre erste Nacht im neuen Bett.

 

Schon als sie durch die Tür trat, spürte Lena, dass er schlechte Laune hatte. Sie kam gerade aus der Schule. Denn weil ihre Matura in Deutschland nicht anerkannt war, musste sie ein zusätzliches Jahr an einem Studienkolleg absolvieren. «Schön, dass du kommst», empfing sie Robert. «Würdest du dich bitte einen Moment zu mir setzen.» Sie liess sich auf die Couch sinken. Er warf ihr ein Papier hin. Sie erkannte den Briefkopf des Möbelhauses, das sie sich gemeinsam ausgesucht hatten. «Du hast gesagt, bestell, was wir brauchen», sagte Lena leise. «Ich habe gesagt, bestell das, was wir dringend brauchen.» Robert wurde lauter. «Aber doch nicht für 600 Euro!» Er nahm die Rechnung an sich und deutete auf einen Posten. «Ich meine, warum, bitte schön, brauchen wir Nachttische?» Lena zuckte zusammen, als er mit dem Papier vor ihrem Gesicht auf den Tisch schlug. «Oder Bettwäsche? Weil du das Gefühl hast, meine Kollegen aus der alten Bude hätten die mitbenutzt?» «Aber woran hättest du denn gedacht?», wagte Lena einen Einwurf. «Wie wärs mit Regalbrettern mit metallenen Aufhängern fürs Wohnzimmer? Oder mit einem Küchenschrank? Damit das gespülte Geschirr nicht einstaubt, wie Madame sich kürzlich beklagte? Jedenfalls nicht an weibischen Krimskrams!», brüllte er nun. Robert war aufgesprungen, warf Lena die Rechnung hin. «Ich muss hier raus und falls ich wiederkomme – falls – kannst du mir ja sagen, woher du», beim Du piekte er sie mit dem Zeigefinger in die Brust, «… und zwar nur du das Geld für diese Bestellung herkriegst, Frau Studentin. Ansonsten stornierst du das Ganze morgen früh umgehend.» Die Tür knallte.

Lena fuhr im Bett hoch. Ihr Herz klopfte, ihr Atem ging schnell. Sie zündete das Licht an und sah sich um. «Du bist in deiner Wohnung, du bist nicht in Karlsruhe, es ist alles in Ordnung», sprach sie sich gut zu. Doch es half nicht wirklich, es fühlte sich an, als hätte ihr jemand einen Panzer angelegt, der zu eng sass. Sie bekam einfach nicht genug Luft, also stand sie auf. Sie erinnerte sich daran, was ihre Mutter getan hatte, wenn sie als Kind schlecht geträumt hatte. Mit einer ausholenden Geste hatte sie jeweils den Kühlschrank geöffnet und ein Stück Schokolade herausgeholt: «So, jetzt gehst du schlafen und träumst dich in eine schöne Welt. Es ist alles in Ordnung, dir kann nichts passieren, weil ich nämlich in dieser Welt auf dich aufpassen werde.» «Ach Mama», dachte Lena. «Wenn du wüsstest, was hier abgeht. Ich könnte deine Hilfe gut gebrauchen.» Lena holte sich ein Stück Schokolade aus dem Kühlschrank und leise sprach sie in die Stille: «Bitte pass auf mich auf.» Und vorsichtshalber liess sie das Licht an, als sie sich wieder ins Bett legte.


 

Marc stand bereits am Eingang, als Lena von der Bushaltestelle Richtung Schwimmbad kam. «Das klappt ja wunderbar. Dann sehen wir uns in zehn Minuten geduscht am Becken.» Federnden Schrittes ging er vor, Lena kam kaum hinterher. Nur mühsam unterdrückte sie ein Keuchen. «Wenigstens bin ich im Schwimmen nicht allzu schlecht», dachte sie während des Umziehens. Als sie aber aus der Dusche kam und diesen kleinen, muskulösen Mann dastehen sah, wurde ihr doch etwas mulmig zumute. Marc lächelte freundlich. «Erst einmal zehn Minuten einschwimmen, würde ich sagen.» Lena liess sich ins Wasser gleiten und war froh, sich keine Gedanken mehr über die Figur machen zu müssen, die sah man beim Schwimmen eh kaum. Das Wasser fühlte sich gut an. Dass Marc sie auf den Bahnen mehrfach überrundete, machte ihr nichts aus – na ja, fast nichts. Sie hielten. «Jetzt immer ein Länge Arme, eine Länge Beine. Zehnmal abwechseln.» Als Pause liessen sich die kurzen Momente zwischen den einzelnen Übungssequenzen nicht bezeichnen. «Jetzt schwimmst du in zehn Minuten so viele Längen wie möglich, der Stil ist frei wählbar.» Für Lena spielte die Wassertemperatur inzwischen kaum noch eine Rolle, so heiss war ihr. Sie nahm ihre ganze Kraft zusammen, versuchte, die Schlagzahl der Arme zu erhöhen, einen Rhythmus zu entwickeln, zu halten, und zählte die Längen. Erst als sich ihr Atmen beim Ausschwimmen beruhigte, spürte sie die wachsende Schwere der Muskeln.

 

«Hast dich gut gehalten», lobte Marc Lena beim Abtrocknen. «Gehört das Lob zu deinem Motivationskonzept? Wenn mein Kopf so rot ist, wie er sich anfühlt, seh ich doch aus wie eine Tomate.» «Ja, das hat was», neckte er sie lachend. «Es macht aber nichts. Ich fahr dich jetzt nach Hause, mache einen Kontrollgang und nach dem Abendessen wirst du wunderbar schlafen.» Als sie eine Viertelstunde später in Marcs Wagen stiegen, fragte Lena: «Verrätst du mir, was diese ganze Trainingsgeschichte soll?» Marc schüttelte den Kopf. «Nein, falls du das jetzt jeden Montag mit mir durchziehen willst, wirst du das selber herausfinden.» «Jeden Montag?» Sie wusste nicht, was sie von diesem Angebot halten sollte. «Warum bietest du mir so etwas an?» «Wie gesagt, es reicht, wenn ich das weiss und du es herausfindest. Also?» Sie schwieg, fühlte sich von einer fest getätigten Zusage etwas überfordert. Sie sah einen Moment aus dem Fenster. «Aber eigentlich ist doch genau das dein Problem. Immer über alles hundertmal nachzudenken», meldete sich die innere Stimme. Sie wandte den Kopf: «Ich bin dabei.» Marc nickte mit dem für ihn typischen Lächeln. «Gut, dann sehen wir uns kommenden Montag wieder.»